In der sechsten Etage der Ruhrstraße ist am 14. September alles für die Sitzung des Personalausschusses des Vorstands hergerichtet. Bis 10 Uhr werden die Ausschussmitglieder aus dem Bundesgebiet eintreffen. Aus Richtung Bodensee reiste Günter Schäfer bereits etwas früher an. Denn wir sind mit ihm zu einem Interview verabredet.

Auf eine gute Terminplanung in Bezug auf seine Ehrenämter ist Günter Schäfer seit den 80er Jahren angewiesen. Er ist Ehrenvorsitzender der BfA-Gemeinschaft e.V., über deren Liste er bei der Soziaiwahl 1986 erstmals zum Mitglied der Vertreterversammlung der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte gewählt worden war. Seit 1991 Ist er Mitglied des Vorstands der BfA bzw. DRV Bund. Zudem ist er Im Vorstand der Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation sowie der Berufsförderungswerke (BFW) Dresden, Staß-furt und München vertreten. Aber das ist längst keine vollständige Auflistung seiner Ehrenämter, die jedoch (fast) alle mit einem speziellen Thema verbunden sind: der Rehabilitation, also der Besserung und dem Wiederherstellen der Gesundheit der Menschen. Für sein unermüdliches Engagement erhielt er im Jahr 2002 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

 

 

Ehrenvorsitzender Günter SchäferHerr Schäfer, nicht nur Ihre Ehrenämter, auch Ihr beruflicher Weg von der Lehre zum Industriekaufmann in Mülheim an der Ruhr 1949 bis zum Arbeitsende 1995 als Landesgesehäftsfuhrer der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) in der Landesgeschäftsstelle Neckar-Donau in Singen zeugen von viel Mobilität und Flexibilität in Ihrem Leben. Ist das nicht auch anstrengend?

 

Wenn man immer nach vorn schaut und etwas bewegen will, empfindet man das anders. Nicht nur für mich als „ein Kind von Rhein und Ruhr" war 1952 eine schwere Zeit in Hinblick auf den Berufseinstieg. Aber „Arbeitslosigkeit kommt in unserer Familie nicht vor" hieß es daheim. Schließlich wies mich das Arbeitsamt der DAK zu. Dort wurde ich zunächst Sachbearbeiter, später Bezirksgeschäftsführer in Rheinhausen und Essen. Dann boten sich Aufstiegschancen in Düsseldorf, Singen, Köln, Karlsruhe und schließlich wieder in Singen. Meine Familie hat mich immer unterstützt, obwohl die Ortswechsel für unsere Kinder damals nicht einfach waren. Wenn ich heute wieder nach Hause fahre, weiß ich, dass mir meine Frau und auch die Ruhe, die mich im beschaulichen Rielasingen-Worblingen umgibt, wieder viel Kraft schenken werden.

 

Vor 30 Jahren haben Sie sich erstmals als Kandidat für die Sozialwahl aufstellen lassen. Was hatte Sie damals bewogen, sich in der Selbstverwaltung der BfA zu engagieren?

 

Genau genommen wurde Ich dorthin „geschoben". Einer meiner Vorgänger sprach mich 1977 an, ob ich mich nicht in der Selbstverwaltung der Rentenversicherung etablieren möchte. So habe ich mich erst einmal informiert, was es zu tun gäbe. Dabei stellte ich fest, dass dies eine gute Möglichkeit wäre, sich für die Mitmenschen einzusetzen und den aus meiner Berufserfahrung vorhandenen Sachverstand weiterzugeben. Aus dem Wunschgedanken des Kollegen wurde somit eine feste Burg.

Wir haben 1980 erstmals eine Liste zur Sozialwahl bei der BfA eingereicht und erhielten auf Anhieb über sechs Prozent der Stimmen und damit zwei Plätze In der Selbstverwaltung - ich stand damals übrigens auf dem dritten Platz. Das war mein Einstieg in die Sozialwahl. Mit dem Wahlkampf 1986 ging es weiter bergauf. Wir erhielten 19 Prozent der Stimmen und sind seither die stärkste Fraktion.

Das Ehrenamt bereitet mir sehr viel Freude. Und ich habe immer ein gutes Team um mich herum gehabt.

 

Im Oktober letzten Jahres gaben Sie nach 27 Jahren den Vorsitz der BfA-Gemeinschaft ab. Haben Sie damit zugleich den Staffelstab für die Sozialwahl 2011 weitergereicht?

 

Ich werde nicht mehr kandidieren. Aufgrund meines Wissensstandes wurde ich aber vom neuen Vorstand beauftragt, die Sozialwahlen für 2011 mitzugestalten. Wir werden bei der Sozialwahl der DRV Bund wieder dabei sein, zudem bei der DAK, der Handelskrankenkasse in Bremen und der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft. Als neuen Schwerpunkt haben wir uns vorgenommen, eine Liste zum Verwaltungsrat bei der Barmer GEK einzureichen. Das ist insgesamt ein überschaubarer Bereich, den wir im Rahmen des Ehrenamtes leisten können.

 

Die letzte Sozialwahl fand im Jahr 2005 statt. Am Internationalen Tag des Ehrenamtes jenes Jahres würdigte Ursula von der Leyen -damals noch als Bundesfamilienministerin -das bürgerschaftliche Engagement als einen „wichtigen Bestandteil einer Gesellschaft mit menschlichem Gesicht". Nicht nur unsere Demokratie, auch unsere Wirtschaft, unsere soziale Sicherung und unser kulturelles Leben würden auf der Bereitschaft zum Engagement beruhen, sagte sie.

2005 war aber auch das Gesetz zur Organisationsreform in der Rentenversicherung in Kraft getreten. Was bringt es dem Ehrenamt in der Selbstverwaltung ab 2011?

 

Unsere BfA-Gemeinschaft erhielt bei der letzten Sozialwahl 39,42 Prozent der Wählerstimmen bei der Deutschen Rentenversicherung Bund. Sie hat seither 13 von 30 Sitzen der Vertreterversammlung und zwei von vier Sitzen im Vorstand inne. Bei gleichem Wahlergebnis würden wir 2011 nur noch sechs Plätze einnehmen können. Denn mit dem Gesetz zur Organisationsreform wird die Vertreterversammlung der DRV Bund von jeweils 30 Mitgliedern auf Arbeitgeber- wie auf Versichertenseite auf je 15 Mitglieder abgeschmolzen. Da unsere Selbstverwaltung aber nicht weniger Aufgaben zu erfüllen hat, bedeutet dies, dass die ehrenamtliche Arbeit auf weniger Schultern lasten wird. Auch für die zu besetzenden Ausschüsse der Vertreterversammlung sowie des Vorstands kann es dann nicht mehr mehrere Kandidaten geben, die das eine oder andere übernehmen könnten. Es werden sich einzelne Personen in mehreren Bereichen auskennen und engagieren müssen. Die Organisationsreform passt uns allen - zumindest von der Versichertenseite - insofern nicht. Für die Unfall- und Krankenversicherung gibt es ein solches Gesetz nicht, dort ändert sich in der Selbstverwaltung demnach auch nichts.

 

Wie schätzen Sie als Repräsentant der Versichertenseite die paritätische Verantwortlichkeit unserer Selbstverwaltung ein?

 

Sie hat sich bei uns im Hause bewährt. Wir pflegen ein gutes Miteinander. In den vielen Jahren, die ich dabei bin, habe ich kein „Hakeln", wie man in Bayern sagt, erkennen können; es geht harmonisch zu. Natürlich sind wir nicht immer einer Auffassung, aber man verständigt sich auf das Wesentliche.

 

Sie sind alternierender Vorsitzender des Ausschusses für Rehabilitations-, Renten- und Versicherungsangelegenheiten des Vorstands der Deutschen Rentenversicherung Bund. Wer gibt Ihnen Einblick in die Praxis unserer Klinikarbeit und was bereitet Ihnen Sorgen?

 

Die Zusammenkünfte der Leitenden Ärzte und Verwaltungsleiter, an denen ich als alternierender Vorsitzender teilnehmen darf, haben für mich eine große Bedeutung. Dort erhalte ich viele wesentliche Erkenntnisse über das, was in den Kliniken los Ist, wie sich die Reha in der Praxis entwickelt und wie verschiedene Abläufe vonstattengehen. Sorgen bereitet uns natürlich die Budgetierung in der Reha. Wir haben hingegen eine steigende Anzahl von Anträgen zur Rehabilitation zu verzeichnen, die sicherlich auch darauf zurückzuführen ist, dass sich das Renteneintrittsalter verschiebt, die Menschen also länger arbeiten müssen. So besteht die Notwendigkeit als auch das Bedürfnis, dass die Rehabilitation dazu beiträgt, die Arbeitskraft zu erhalten. Wie heißt es so schön und vor allem richtig bei uns: Die Reha macht sich bezahlt und sie sollte vor der Rente Bestand haben!

 

In diesem Monat begehen wir zum 20. Mal den Tag der Deutschen Einheit 1990 waren Sie beruflich als Landesgeschäftsführer der DAK Neckar-Donau in Singen tätig und haben bis 1992 in Sachsen am Aufbau Ost mitgewirkt. Mit welchem Ziel?

 

Wir wollten helfen, die Menschen in Ost und West zusammenzuführen. Das Miteinander funktionierte nicht sofort. Die Menschen in den neuen Bundesländern hatten andere Lebenserfahrungen

und viele Erwartungen. Es galt, mit dem notwendigen Fingerspitzengefühl die Sozialversicherung der Bundesrepublik zu übertragen. In Dresden, wo die DAK zuerst ihren Standort hatte, konnten wir in den ersten beiden Jahren der deutschen Einheit über 250 Menschen einstellen. Danach richteten wir in Pirna, Riesa, Meißen, Freital und Radebeul Dienststellen ein. Es war eine harte Zeit. Von dieser „Knochenarbeit" hat die DAK aber ein breites Kreuz bekommen.

 

Zudem haben Sie sich im Rahmen Ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit für die BfA in jenen Jahren auch noch für den Aufbau der Rehabilitation im Osten Deutschlands eingesetzt ...

 

Die Rehabilitation in den neuen Bundesländern hat seit 1990 für uns einen hohen Stellenwert. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich bereits von Beginn an die Strategie des Hauses mittragen durfte. Der Ursprungsgedanke war ja, in jedem neuen Bundesland eine Reha-Klinik aufzubauen. 1996 mussten wir durch die Spargesetze dann aber auf den Bau von zwei Kliniken verzichten. Aber in Ückeritz, Bad Frankenhausen, Bad Schmiedeberg und Teltow war ich dabei. Und im nächsten Jahr wird die erste Klinik, „Ostseeblick" in Ückeritz auf Usedom, bereits auf 20 Jahre erfolgreiche Arbeit zurückblicken können.

 

Feierten Sie nicht kürzlich in Dresden den 20. Geburtstag eines Ihrer anderen "Kinder" mit?

 

Das könnte man so sagen. Ich durfte vor einigen Tagen dem Berufsförderungswerk Dresden, dessen stellvertretender Vorsitzender ich bin, das Grußwort der Deutschen Rentenversicherung Bund entbieten. Zwar war ich erst 1997 vom Vorstand in den Vorsitz des BFW entsandt worden. Da ich aber durch meine DAK-Tätigkeit schon 1990 in Dresden war, habe ich auch den Aufbau dieser Einrichtung damals miterlebt. Die politische Entscheidung, in den neuen Bundesländern Berufsförderungswerke zu errichten, hat sich als richtig herausgestellt. Der Festakt machte noch einmal deutlich, wie wichtig die berufliche Rehabilitation ist.

 

Wie sehen Sie das heutige Miteinander im vereinten Deutschland?

 

Alles braucht seine Zeit, auch alle Fusionen. In 20 Jahren wächst zudem eine neue Generation nach. So sind inzwischen auch in der Kranken-Guenter Schaefer und Rentenversicherung viele Jüngere eingestellt, die von der Historie weniger bedeckt sind. Das Miteinander ist heute ordentlich und gut. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass wir es mit speziellem Blick auf den Reha-Bereich Immer mit Menschen zu tun haben, die in einem Beschäftigungsverhältnis stehen. Alle anderen - die Rentner oder diejenigen ohne Beschäftigungsverhältnis oder bei denen die rentenrechtlichen Voraussetzungen nicht erfüllt sind - haben keinen Anspruch auf Reha-Leistungen der Rentenversicherung und müssen sich im Bereich der Krankenversicherung orientieren. Die Krankenkassen haben Probleme aufgrund des Gesundheitsfonds, sie kommen mit ihrem Geld schlechter aus. Schwierigkeiten sehe ich auch bezüglich der 400-Euro-Jobs. Es werden in diesen Fällen keine oder kaum Beiträge gezahlt. Weder in die Kranken- noch in die Rentenversicherung. Wenn diese Menschen in 25 oder 30 Jahren in den Ruhestand gehen, haben sie tendenziell nur geringe Rentenansprüche.

 

Die Ressourcen- und Qualitätsoptimierung in der Rehabilitation der Deutschen Rentenversicherung bezeichneten Sie auf dem Reha-Forum 2008 in Berlin als einen wesentlichen Verdienst des großen Engagements der Selbstverwaltung. Reicht beides aus, um die Rehabilitation der DRV Bund zukunftsfest zu machen?

 

Wenn man oben steht, darf man nicht sagen: „Jetzt haben wir etwas Gutes vollbracht und werden mal sehen, was wird." Wer weiterhin Erfolg haben will - und den brauchen wir ja auch in der Rehabilitation - der muss stetig daran arbeiten. Wir müssen den Fortschritt in die gesamte Entwicklung einfließen lassen. Sowohl im Bereich der medizinischen als auch im Bereich der beruflichen Reha. In unseren Ausschusssitzungen berichten die Leiterin des Geschäftsbereiches Sozialmedizin und Rehabilitation, Frau Dr. Korsukewitz, sowie Vertreter verschiedener Bereiche immer wieder über neue Erkenntnisse der Reha-Forschung, die auch von der DRV Bund gefördert und bezahlt wird. Es ist notwendig, dieses neu gewonnene Wissen in die Praxis umzusetzen, um das Reha-System weiter nach vorne zu bringen. Denn Stillstand würde Rückschritt bedeuten.

 

Warum halten Sie Sozialwahlen auch in Zukunft für wichtig?

 

Bei den Sozialwahlen gibt es ja Friedenswahlen und Urwahlen. Bei den Friedenswahlen kommt es zu keiner Wahlhandlung. Es werden Personen anhand vorgegebener Kriterien für dieses Amt bestimmt - so wie es bei den Arbeitgebern der Fall ist. Urwahlen hingegen sind die bessere Möglichkeit der Mitbestimmung auf breiter Basis. Es gibt mehr Beteiligte und diese können auch gewählt werden. Nur so ist ein guter Konsens von unten nach oben möglich. Urwahlen haben wir ja auch in der großen Politik für den Bundestag, die Landtage, die Kommunalvertretungen... Warum sollte also ausgerechnet im Bereich der Sozialversicherung keine stattfinden? Sicher, Demokratie kostet auch Geld. Jedoch nicht viel, wenn man die Summe auf die einzelnen Versicherten umlegt. Die im Juni durchgeführte Auftaktveranstaltung zu den Sozialwahlen, auf der sich Bundesministerin Ursula von der Leyen und Bundeswahlbeauftragter Gerald Weiß für Urwahlen aussprachen, war zugleich ein Aufruf an alle Wahlberechtigten, sich bis zum 1. Juni des kommenden Jahres an den Wahlen zu beteiligen. Unsere Versicherten und auch die Rentner sind gut beraten, wenn sie den Umschlag an den zurückschicken und so für die nächsten sechs Jahre den Kandidaten ihre Stimme geben.

 

Das Gespräch führte vE.

 

Interview wurde entnommen aus der Mitarbeiterzeitschrift der DRV-Bund "Intern 10/2010"

 

 

 

 

 


   
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